Zulassen oder zu lassen

Der Mensch lebt sein Leben und merkt lange nicht, dass es ihm in manchen Bereichen langsam immer schlechter geht. Erst wenn der Leidensdruck sehr groß ist und herkömmliche Symptombekämpfungsmaßnahmen nichts mehr bringen, kommt er auf den Gedanken, sein Problem aufzustellen. In einer sinnanalytischen Aufstellung betrachtet er dann erstmals sein Leben von außen.

Wie kann man sein Leben von außen betrachten?

Der Ratsuchende stellt einer Gruppe von Menschen sein Thema vor. Nur mit einem einzigen Wort, denn die Anderen sollen nicht beeinflusst werden. Zum Beispiel: Ich möchte meine Krankheit aufstellen. Oder: Ich möchte meine Beziehung aufstellen. Dann wählt er aus dem Kreis der Anwesenden Leute aus, die für ihn selbst, für seine nahen Angehörigen, aber auch für „die Krankheit“ oder für „die Beziehung“ stehen. Die ausgewählten Stellvertreter berichten wie es ihnen geht und es entsteht ein Zusammenspiel von Befindlichkeiten und Gefühlen. Dieses Zusammenspiel ist wesentlich neutraler und unvoreingenommener als die Wahrnehmung des Ratsuchenden selbst, die er von seinem Leben hat.

Wenn ich Sie frage, wie es Ihnen geht, sagen Sie: „Es geht mir gut.“ Fragen Sie Ihren Nachbarn wie es ihm geht, wird er ebenfalls sagen: „Es geht mir gut“. Man sagt immer „es geht mir gut“. Man ist sein Leben gewohnt und wenn es nicht gerade durch eine Krankheit oder ein schlimmes Ereignis beeinflusst ist, ist es doch „gut“. Fragen Sie den Stellvertreter des Nachbarn in der Aufstellung, dann wird er völlig ungeschminkt und ohne Hintergedanken sagen: „Mir geht es schlecht, ich habe Stress mit der blöden Tussi, die im Haus rechts neben mir wohnt“. Sind Sie selbst diese blöde Tussi, können Sie das Ergebnis der Aufstellung für eine Frechheit halten oder hinterfragen, wie der Nachbar zu dieser Meinung über Sie kommt.

Natürlich gibt es immer wieder Menschen, die es für einen Aufstellungsfehler halten, wenn sich etwas herausstellt, das sie bisher nicht gewusst hatten und auch nicht hören wollten. Der Eine kann diese Erkenntnis zulassen, der Andere, der es nicht wissen will, sollte die Tür zu solchen Erkenntnissen lieber zu lassen.

Dies gilt auch bei Krankheiten. In einer sinnanalytischen Aufstellung kann der kranke Körperteil mit Hilfe eines menschlichen Stellvertreters sprechen und zum Ausdruck bringen, was fehlt, was falsch läuft, was verändert werden sollte, um einen guten Zustand herzustellen. Der Eine kann es zulassen. Der Andere sollte die Türe zu solchen Erkenntnissen lieber zu lassen.

In vielen Bereichen des Lebens schätzen wir es, wenn wir etwas erfahren. So ist es zum Beispiel sehr beliebt, den Wetterbericht anzuschauen. Man kann sich entsprechend verhalten und Regengüsse oder Sonnenbrand vermeiden. Es hat jedoch auch schon Zeiten gegeben, da sind Leute, die das Wetter vorhergesagt haben, als Hexen verbrannt worden, weil die Menschen es nicht zulassen konnten, dass solches Wissen möglich war.

Die sinnanalytischen Aufstellungen sind sehr zuverlässig. Es kann vorkommen, dass ein Ratsuchender anfangs alles für falsch hält, was in der Aufstellung gesagt wird. Bei näherer Betrachtung ist das Ergebnis der Aufstellung jedoch genauer als die eigene, schöngefärbte, jahrelang gewohnte und zurechtgerückte Sichtweise. Manchmal wird noch nach Jahren in der Nachbetrachtung staunend festgestellt, dass alles genau so gewesen war und das Erkennen in der Aufstellung einen Aha-Effekt auslöste, der zu einer Neuorientierung führte.

Eine sinnanalytische Aufstellung ist eine Beschäftigung mit Körper, Geist und Seele, eine Lebensbetrachtung, ein Verstehen wie das Leben wirkt, wie es die seelischen Pläne umsetzt und zu Erkenntnissen führt. Manch einer verneint die Existenz einer Seele und eines Lebensplans. Für ihn gilt, dass er die Türe zum Aufstellungsraum zu lassen sollte, weil er ohnehin keine Erklärung zulassen könnte.

Ich habe neulich einen Bericht gelesen, in dem jemand geschrieben hat, seine Aufstellung sei ein Horrorszenario gewesen. Er wollte vor Aufstellungsarbeit warnen, indem er beschrieb wie sich sein Leben in der Aufstellung darstellte. Die Aufstellung war jedoch nicht schuld, dass sein Leben bisher so gelaufen war, sie hatte nur einen neutralen Blick ermöglicht. Es ist ja auch nicht die Tagesschau schuld, wenn sich auf der Welt viele schlimme Dinge ereignen. So wie es die Aufstellung zeigte, würde man nicht leben wollen, wenn man es sich aussuchen könnte. Jedoch weil man von klein an dieses und kein anderes Leben hatte, gewöhnte man sich dran, litt unbewusst und war unglücklich, erfolglos, schwach und krank ohne zu wissen, weshalb das so ist.

Wenn Ihnen Ihr Leben aus einem gewissen Abstand betrachtet gar nicht mehr so gut gefällt, wenn Sie Querverbindungen zwischen Krankheit und Lebensart oder zwischen Einsamkeit, Erfolglosigkeit und bestimmten Verhaltensmustern erkennen, dann beschäftigen Sie sich damit, verlassen Sie den Holzweg, entfernen Sie das Brett vor Ihrem Kopf. Hinterher verstehen Sie Ihr Leben besser und wer versteht, wird handlungsfähig.

In der sinnanalytischen Aufstellung kennen die Stellvertreter keine Hintergründe sondern nur das eine Wort, um das sich die Aufstellung dreht (siehe oben). Sie nehmen hellfühlend wahr, wie sich das Familienszenario darstellt. Wenn es für Sie in der Aufstellung ganz anders ist, als Sie es in Ihrem Alltag erleben, dann sollten Sie fragen: „Weshalb nehmen fremde Menschen mein Leben so wahr?“ „Wo habe ich selbst blinde Flecken?“ Die Stellvertreter in der Aufstellung haben keinerlei persönliches Interesse, unwahre Dinge zu behaupten, sondern sie sind im Aufstellungsfeld eingebunden und geben kund, wie es ihnen geht und was sie fühlen. Die sinnanalytische Aufstellung geht in keine vorher abgesprochene Richtung, es geht nicht darum, ein bestimmtes, gewolltes Ergebnis zu erzielen. Es geht nur um möglichst neutrales Einfühlen und Wiedergeben, um dem Aufsteller Erkenntnisse zu ermöglichen, die er aus seiner voreingenommenen Sichtweise nicht erhalten kann. Entweder Sie können das zulassen oder Sie sollten die Tür für diese Erkenntnis zu lassen.

Wenn Sie das Thema näher interessiert, können Sie an der Ausbildung zum sinnanalytischen Aufstellungsleiter teilnehmen. Hier werden alle denkbaren Aufstellungsszenarien erlernt und erprobt. Auch wer hinterher nicht selbst Aufstellungen leiten möchte, erfährt sehr vieles über die sinnhaften Wendungen des Lebens und über die Wahrnehmungen und Meinungen der Menschen, die in ihrem Leben mittendrin sind und deshalb den Sinn von Ereignissen nicht verstehen können. Das Verstehen des Sinns ist wie eine Selbstbefreiung und ein Neustart. 

Filme hierzu anschauen:

Interview bei Mystica.tv

Interview bei Balancebeautytime

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